Systemische Erkrankungen: Wenn das Mikrobiom über den Darm hinauswirkt
Das Darmmikrobiom steht über Immun-, Stoffwechsel- und Nervenbahnen mit dem gesamten Körper in Kontakt. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine Dysbiose nicht nur den Darm, sondern auch entfernte Organsysteme beeinflussen kann.
Metabolische Gesundheit
Mikrobielle Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren und sekundäre Gallensäuren beeinflussen die Insulinempfindlichkeit, den Fettstoffwechsel und appetitregulierende Hormone. In Studien wurden bestimmte mikrobielle Muster wiederholt mit Übergewicht, Typ-2-Diabetes und metabolischem Syndrom in Verbindung gebracht. Ob das Mikrobiom dabei Ursache oder Folge ist, lässt sich oft noch nicht eindeutig sagen.
Immunsystem und Autoimmunerkrankungen
Eine vielfältige Darmflora unterstützt das Immunsystem dabei, zwischen ungefährlichen und gefährlichen Reizen zu unterscheiden. Bei einer Dysbiose kann diese Balance kippen. Veränderungen der mikrobiellen Zusammensetzung wurden unter anderem bei rheumatoider Arthritis, Typ-1-Diabetes und Multipler Sklerose beobachtet. Die zugrunde liegenden Mechanismen, darunter molekulare Mimikry und eine gestörte Darmschranke, sind Gegenstand intensiver Forschung.
Allergien und atopische Erkrankungen
Die mikrobielle Besiedlung im frühen Leben prägt die Entwicklung des Immunsystems. Eine geringe mikrobielle Vielfalt im Säuglingsalter wird mit einem höheren Risiko für Neurodermitis, Asthma und Nahrungsmittelallergien in Verbindung gebracht. Die sogenannte Hygienehypothese geht davon aus, dass ein geringerer Kontakt mit Mikroben die Immuntoleranz beeinträchtigen kann.
Darm-Hirn-Achse
Darm und Gehirn kommunizieren über Nerven, Botenstoffe und Immunsignale. Mikrobielle Stoffwechselprodukte können diese Kommunikation beeinflussen und werden mit Stimmung, Stressempfinden und kognitiven Funktionen in Verbindung gebracht. Wissenschaftliche Arbeiten untersuchen Zusammenhänge zwischen dem Darmmikrobiom und Depressionen, Angststörungen sowie neurodegenerativen Erkrankungen. Die genauen Ursachen sind jedoch noch nicht geklärt.
Herz-Kreislauf-Risiko und Entzündungen
Einige Darmbakterien wandeln Cholin und Carnitin aus der Nahrung in Trimethylamin um, das in der Leber zu TMAO oxidiert wird. Erhöhte TMAO-Werte wurden in Studien mit einem höheren kardiovaskulären Risiko assoziiert. Zudem kann eine gestörte Darmflora die systemische Entzündungslast erhöhen, die bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine wichtige Rolle spielt.
Wann sollte das Mikrobiom in Betracht gezogen werden?
Der Blick auf das Darmmikrobiom ist besonders dann sinnvoll, wenn Beschwerden unspezifisch sind, mehrere Organsysteme betreffen oder wenn Verdauungsprobleme zusammen mit Stoffwechsel-, Immun- oder Stimmungsstörungen auftreten. Das Mikrobiom ist dabei ein hilfreicher Baustein, aber nie das einzige diagnostische Kriterium.